Mediation

Informationen, Fragen und Aktuelles zum Thema Mediation und Ausbildung von MediatorInnen

20. Mai 2013
von milan
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Zuhören

Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier läuft derzeit in den Kinos, das Buch ist schon seit einigen Jahren ein Bestseller.

Hier ein kurzer Ausszug daraus:
“Doch das war nicht das eigentlich Unglaubliche. Das wahrhaft Unfaßbare war die Diskussion, wie sie genannt wurde. Eingegossen und eingeschlossen in den grauen Bleirahmen der britischen Höflichkeitsfloskeln, redeten die Leute perfekt aneinander vorbei. Pausenlos sagten sie, daß sie einander verstünden, einander antworteten. Doch es war nicht so. Niemand, kein einziger der Diskutanten, zeigte das geringste Anzeichen eines Sinneswandels angesichts der vorgebrachten Gründe. Und plötzlich, mit einem Erschrecken, das ich sogar im Leib spürte, wurde mir klar: So ist es immer. Einem anderen etwas sagen: Wie kann man erwarten, daß es etwas bewirkt? Der Strom der Gedanken, Bilder und Gefühle, der jederzeit durch uns hindurchfließt, er hat eine solche Wucht, dieser reißende Strom, daß es ein Wunder wäre, wenn er nicht alle Worte, die jemand anderes zu uns sagt, einfach wegschwemmte und dem Vergessen übereignete, wenn sie nicht zufällig, ganz und gar zufällig, zu den eigenen Worten passen. Geht es mir anders?, dachte ich. Habe ich je einem anderen wirklich zugehört? Ihn mit seinen Worten in mich hineingelassen, so daß mein innerer Strom umgeleitet worden wäre?”

Ich stimme zwar nicht damit überein, dass das (alleinige?) Anzeichen des Verstehens der eigene Sinneswandel sein muss, aber was Mercier mit der selbstkritischen Stimme des Poeten Amadeu de Prado deutlich in Frage stellt, das berührt mich sehr: “Habe ich je einem anderen wirklich zugehört?”Wagen wir es, uns von den Worten des anderen wirklich berühren zu lassen, auf die Gefahr hin, dass “der eigene innere Strom umgeleitet wird”?

In der Mediation wünschen wir uns diese Berührung und die Bereitschaft, sich berühren zu lassen. Der erste Schritt besteht darin, zuzuhören und zu verstehen. Jedoch auch nicht zu schnell zu verstehen. Das erfordert neben der Fähigkeit zur professionellen Distanz auch die Fährigkeit und Bereitschaft, uns berühren zu lassen. Weiter arbeiten wir darauf hin, dass die Konfliktparteien einander zuhören, sich verstehen wollen und verstehen können und – sich verstanden fühlen.
Wobei verstehen eben nicht gleich gesetzt werden sollte mit einverstanden sein. Diese Unterscheidung halte ich für hilfreich. Diese beiden Dinge explizit zu unterscheiden erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Konfliktparteien sich erlauben zumindest zu verstehen, auch wo sie nicht einverstanden sind. Daher sollten wir mit rhetorischen Fragen wie “Können Sie das nicht verstehen?!” vorsichtig sein, um diese beiden Prozesse ‘verstehen’ und ‘einverstanden sein’ nicht zu vermischen.

Zuhören, wirklich zuhören.  So schwierig und gewagt dieses Unterfangen auch sein mag – damit können wir vielleicht den besagten “reißenden Strom der Gedanken, Bilder und Gefühle, der jederzeit durch uns hindurch fließt”, etwas beruhigen, sodass …

16. Mai 2013
von milan
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Tänzerin

Aus aktuellem Anlass hier noch einmal die “Tänzerin” und die Frage, ob sie sich mit oder gegen den Uhrzeigersinn dreht. Und unten dann eine schrittweise Übungsanleitung:


Training zur bewussten Gestaltung der Drehrichtung:

1.)    Ich entscheide, in welche Richtung die Tänzerin sich drehen soll.
2.)    Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie es aussieht, wenn sie sich in diese Richtung dreht (= “innere Tänzerin”).
        –> Gestaltung der inneren Vorstellung, Festigung dieser Vorstellung, bist das innere Bild bzw. der innere “Film” konstant ist.
3.)    Öffnen der Augen, vor sich auf die Tastatur schauen und weiterhin die innere Vorstellung konstant halten, auch mit geöffneten Augen.
4.)    Blick langsam heben und zur “äussen” Tänzerin bewegen, solange wie der innere Film dominiert.
5.)    Sobald die Drehrichtung kippt und die “äussere Tänzerin” die Wahrnehmung dominiert, zurück an den Punkt an dem die innere Vorstellung (= gewünschte Drehrichtung) stabil noch ist.
6.)    Solange wiederholen, bis die Tänzerin sich auch mit Blick auf den Bildschirm so dreht, wie wir es wollen.
(d.h. bis mein subjektives Wahrnehmungskonstrukt nicht mehr musterhaft “passiert”, sondern ich meine Wahrnehmung aktiv gestalten kann.).

Manchmal ist es leichter, wenn man das Bild der Tänzerin auf dem Bildschirm so scrollt, dass man nur die Beine der Tänzerin sieht. Und dann, solange man die gewünschte Drehrichtung konstalt halten kann, das Bild wieder voll herunter scrollt.

Erfahrungswert: nach spätestens 15 – 20 Min. tanzt sie nach unserem Willen ;-)

Viel Spaß beim Üben.

Und wer es lieber etwas ‘ruhiger’ mag, der kann hier ein bisschen üben: schaut das Pferd nach vorn oder nach hinten?

15. Mai 2013
von milan
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Freie Wahl

“Du kannst jetzt nicht gehen!” Eine gewisse Panik schwang in Brenos Stimme mit. “Wolle hat sich gerade krank gemeldet und die Lieferung muss heute noch raus.”

“Natürlich kann ich gehen. Und ich gehe jetzt. Ich habe meine Schicht geleistet, ich bin müde und werde jetzt mit einem Bier meinen wohlverdienten Feierabend genießen.” Paul wandte sich zur Tür.

“Wenn du jetzt gehst”, sagte der Chef, “dann kannst du deine Papiere direkt mitnehmen. Dann bist du gefeuert. Wegen Arbeitsverweigerung.” Seine Stimme war jetzt wieder etwas fester. “Du hast gar keine Wahl, Paule. Du musst diese Tour machen, ansonsten sind wir aufgeschmissen.”

Paul drehte sich langsam um und lächelte. “Irrtum! Ich habe immer eine Wahl.” Er machte eine Pause. “Glaube ja nicht, dass ich an diesem Job hänge. Wenn du mich feuerst, stehst DU auf dem Schlauch und ich habe morgen einen neuen, wahrscheinlich sogar besseren Job. Wenn ich diese Tour noch mache, dann nur weil ich es will, nicht weil du es so willst.  Das begreifst du gar nicht, oder?” Er hielt wieder kurz inne, wie um zu überprüfen, ob seine Worte ankamen. “Es ist meine Entscheidung. Alles was du tun kannst, ist mich zu bitten. Frag mich, ob ich – und zwar dir zuliebe – bereit bin, die Tour zu machen.”

Paul schaute ihm offen ins Gesicht und wartete. Breno schien vor seinen Augen um einen halben Kopf zu schrumpfen. Man sah, wie er mit sich kämpfte. Durch seine zusammen gebissenen Zähne zischte er: “Paul, ich bitte Dich, diese Lieferung zu übernehmen.” Paul wartete noch einen Moment und Brono stammelte: “Ich wäre dir sehr dankbar.”
Für einen Moment schaute Paul ihn freundlich an und nahm den Lieferschein vom Tisch. “Ok, mach’ ich doch gerne für dich.”    

 

 

12. Mai 2013
von milan
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Unmöglich?

MediatorInnen – und ich hoffe, nicht nur sie(!) – wissen, dass Wahrnehmung stets subjektiv und eine Frage der Perspektive ist. In unserem Alltag erliegen wir jedoch immer wieder der “Objektivitäts-Falle”. Wir unterstellen und glauben, dass “die Dinge so sind” und nicht, dass wir sie (gerade) so wahrnehmen. Diese Objektivitätsfalle ist oft Ursache von Konflikten und eine häufige Erschwernis konstruktiver Konfliktlösung.

Wie sehr unsere (eingeschränkte) Wahrnehmung uns auch auf der Handlungsebene begrenzen kann, zeigt dieses Beispiel:
Ist dieses Dreieck, so wie es hier gezeichnet ist, z.B. aus Holz von einem Schreiner konstruierbar?

Unmoegliches_Dreieck

Wenn du meinst ‘nein’, dann ist dies eine der erwähnten Handlungsbeschränkungen aufgrund einer Weiterlesen →

4. Mai 2013
von milan
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Gedemütigt??

Der FC Bayern hat den FC Barcelona 2 x geschlagen. Soweit so gut. Aber was sollen diese Schlagzeilen:

Bayern demuetigt Barcelona

Unzählige Headlines, in Zeitungen oder Online-Foren haben den Begriff der “Demütigung” übernommen. Warum diese Begrifflichkeit bei einem Sportwettkampf?

Wenn ich mir Definitionen von ‘demütigen’ anschaue, lese ich: “Jemanden in erniedrigender Weise kränken” oder “Jemanden  so behandeln, dass er in seiner Würde und in seinem Stolz verletzt wird”. Trifft das auf einen Sport-Wettkampf zu, der darauf angelegt ist, dass es einen Gewinner und einen Verlierer gibt?
Als ich in den unterschiedlichsten Zeitungen immer wieder diesen Begriff las dachte ich, Weiterlesen →

28. April 2013
von milan
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Wie funktioniert eine “Entschuldigung”?


Der serbische Präsident Tomislav Nikolic hat sich also für das Massaker von Srebrenica entschuldigt: “Ich entschuldige mich für alle Verbrechen, die im Namen unseres Staates und unseres Volkes begangen wurden”, sagte er im bosnischen Fernsehn.
(Hintergrund ist der Völkermord an etwas 8000 muslimische Jungen und Männer 1995 in der damaligen UN-Schutzzone Srebrenica)

Aha – so einfach geht das mit den Entschuldigungen also?

OK – nehmen wir an, ich habe mein Konto überzogen und stehe jetzt  mit 3000 € bei Weiterlesen →