Mediation

Informationen, Fragen und Aktuelles zum Thema Mediation und Ausbildung von MediatorInnen

9. September 2016
von milan
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Das Maß der Freiheit

Es gab einmal einen Zoo, der war schon recht alt, aber er war sehr gut ausgestattet und die dort lebenden Tiere wurden bestens versorgt. Sie waren allesamt dort geboren und es fehlte ihnen so gut wie an nichts.

lion-1577009_1280Die Löwen und die Wölfe lebten in zwei von einander abgetrennten Gehegen. Ihre Reviere hatten einen gemeinsamen Zaun und manchmal trafen sich die Tiere dort, lagerten an dieser Grenze und erzählten vom Leben auf ihrer Seite. Ein beliebtes Spiel zwischen ihnen war die Frage, wessen Gehege das Schönere und Größere sei und wer das bessere Futter erhielt. 3_woelfe

Eines Tages wurde ein neuer Wolf ins Gehege gebracht. Er verhielt sich ein bisschen sonderbar und es fiel ihm offensichtlich nicht leicht, die eingespielten Regeln zu verstehen. Nach einiger Zeit erzählte er seinen Mitwölfen – und auch den Löwen, denn es war Abend und die beiden Rudel hatten sich wieder einmal im Schatten am Zaun getroffen -, dass er aus der Wildnis kam.
“Was ist diese Wildnis?” fragten die anderen.
“In der Wildnis kann man tagelang laufen, ohne auf einen Zaun zu treffen. Man jagt sein Fressen und niemand setzt dem Leben eine Grenze”, sagte der Neuankömmling.

Weil er sehr groß und sehr stark war, taten die anderen Tiere so, als wären sie an seiner Geschichte interessiert. Sie stellten viele Fragen über diese Wildnis und sprachen anerkennende Worte.

Hinter seinem Rücken jedoch lachten sowohl die Wölfe als auch die Löwen über ihn und waren sich einig: “Noch nie im Leben haben wir einen so dreisten Lügner erlebt wie diesen.”

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Wenn Menschen mit der Größe ihres Verstandes prahlen, dann ist das so als ob sie sich drüber stritten, wer die größere Gefängniszelle bewohne.

11. August 2016
von milan
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Innere Freiheit

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In meinem Blog-Beitrag “Wirkfaktoren im Konflikt” habe ich darauf hingewiesen, dass Interpretation und Bedeutungsgebung bestimmter Gegebenheiten einer der konstituierenden Konfliktfaktoren ist. Abgesehen von unserem eigenen Verhalten ist dies der Faktor, bei dem wir die größte Gestaltungmacht haben.

Diese Gestaltungsmacht geht so weit, dass wir potentiell jeden Konflikt, den wir mit jemand anderem haben, unilateral lösen können.
Welche Wirkmacht und welche innere Freiheit darin verborgen liegt, hat Viktor Frankl in seinen Büchern eindrucksvoll beschrieben.

Viktor Frankl war Psychologe und Begründer der Logotherapie. Als Jude war er von 1952 bis zur Befreiung 1945 in verschiedenen Konzentrationslagern der Nazis gefangen gehalten. Seine Mutter wurde im KZ Auschwitz ermordet, seine Frau starb im KZ Bergen-Belsen.

Stephen Covey beschreibt in seinem Buch “Die sieben Wege zur Effektivität: ein Konzept zur Meisterung Ihres beruflichen und privaten Lebens” wie Viktor Frankl inmitten seines Gefängnisses unerwartete Freiheiten entdeckte und entwickelte:

“Eines Tages, er war nackt und allein in einem kleinen Raum, begann er sich dessen bewusst zu werden, was er später die ,letzte Freiheit des Menschen‘ nannte – der Freiheit, die die Nazischergen ihm nicht wegnehmen konnten. Sie konnten seine Umgebung kontrollieren, sie konnten mit seinem Körper machen, was sie wollten, aber Viktor Frankl blieb ein selbstbewusstes Wesen, das beobachten konnte, was mit ihm geschah. … Er konnte in sich selbst entscheiden, wie all das sich auf ihn auswirken würde. Zwischen dem, was ihm widerfuhr, dem Reiz, und seiner Reaktion darauf lag seine Freiheit oder Kraft, die Reaktion zu bestimmen. Inmitten seiner furchtbaren Erfahrungen projizierte Frankl sich selbst in eine andere Umgebung und unter andere Bedingungen, sah beispielsweise, wie er nach seiner Befreiung aus dem Lager seine Studenten unterrichtete. Mit seinem inneren Auge zeichnete er sich selbst im Hörsaal, wo er seinen Studenten genau die Lektion vermittelte, die er während seiner Folterungen lernte.

Durch eine Reihe solcher Übungen … übte er seine kleine … Freiheit aus. Diese wuchs und wuchs, bis Frankl schließlich mehr Freiheit hatte als seine Nazi-Aufseher. Sie besaßen mehr Freiheiten, mehr Optionen in ihrer Umgebung, aus denen sie auswählen konnten, aber er verfügte über mehr Freiheit, mehr innere Kraft, seine Optionen auszuüben. Er wurde zu einer Inspiration für die Menschen in seiner Umgebung, selbst für einige Wächter.”

Auch wenn der Gedanke erst einmal gewöhnungsbedürftig ist: Selbst unter solch extremen Umständen wie Gefängnis, Folter und Konzentrationslager können wir uns die Freiheit erhalten, zwischen verschiedenen Optionen zu wählen. Wir sind diesen Umweltbedingungen nicht hilflos ausgeliefert, sonder sind immer noch autonome Wesen, die entscheiden, welche Wirklungen diese Umwelten auf uns haben.

Viktor Frankls Buch “…trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager” ist ein Zeugnis seiner Erfahrungen und Erkenntnisse.

Ausgang

6. Juni 2016
von milan
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Wirkfaktoren im Konflikt

Wirkfaktoren - Konfliktdreieck

 

Das Wirkfaktorendreieck ist eines der grundlegenden Modelle, das ich in meinen Mediationen immer im Hinterkopf habe, und das wir in unseren Ausbildungen vermitteln.

Nach diesem Modell entstehen Konflikte immer durch ein Zusammenspiel von 3 Elementen oder “Wirkebenen”:

•   ein Verhalten, das
•   in einem bestimmten Kontext geschieht und dem
•   eine bestimmte Bedeutung zugewiesen wird.

 

 

 

 

 

Die Konfliktparteien haben fast immer nur die Verhaltensebene im Blick und sehen dort die Lösung – meistens im Verhalten der Gegenpartei: Wenn diese etwas Bestimmtes tun oder unterlassen würden, wäre der Konflikt gelöst.

Als MediatorInnen sehen wir von außen mehr Optionen, da wir wissen, dass alle drei Wirkfaktoren konfliktkonstituierend sind. Daher kann auch die Konfliktlösung auf allen drei Ebenen stattfinden:

→   Veränderung des Verhaltens
→   Veränderung des Kontextes
→   Veränderung der subjektiven Interpretation + Bedeutungsgebung.

Eine ausführliche Anleitung zur Arbeit mit dem Wirkfaktorendreieck in der Phase der Lösungssuche haben meine Kollegin Consolata Peyron und ich in einem Beitrag zum Handbuch “Konfliktösungs-Tools” beschrieben:
http://goo.gl/PGNQOU

16. Mai 2016
von milan
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Der Mehrwert der Mediation

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Kürzlich wurde ich angefragt, einen Artikel für eine Mediationszeitschrift zu schreiben über die – potentielle – Alltagswirkung von Mediation.

Meine Erfahrung und die daraus folgende Hypothese ist, dass Mediationen über den konkreten, strittigen Sachverhalt hinaus eine Wirkung haben kann und m.E. nach oft auch hat.
Ist das wirklich so und wenn ja – welcher Art könnten diese Wirkungen sein?

Kann Mediation etwas Grundsätzliches bei den Konfliktparteien und in den Systemen, in denen sie stattfindet, verändern – und zwar über die spezifische Situation und Lösung hinaus?

Ich fände es spannend, die Frage aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten:

  • aus der Sicht von Mediatorinnen und Mediatoren,
  • aus der Sicht von Menschen, die an einer Mediation teilgenommen haben,
  • aber auch aus der Sicht von Teilnehmenden an Mediationsausbildungen.
  • Und vielleicht auch aus der Sicht von Außenstehenden, die selbst nicht an einer Mediation beteiligt waren, aber Auswirkungen einer Mediation in ihrem Umfeld wahrgenommen haben.

Und um einen möglichst breiten, wenn auch wahrscheinlich keinen repräsentative Einblick zu erhalten würde ich mich hier an dieser Stelle über Kommentare von euch freuen:

  • Welche Erfahrungen habt ihr mit Mediationen gemacht – als MediatorInnen oder als Konfliktparteien?
  • Hatte die Mediation Auswirkungen über die spezifische Lösung hinaus? Wenn ja, welche? Wenn nein – hattet ihr diesbezüglich Erwartungen oder Hoffnungen, die sich leider nicht erfüllt haben? Woran mag das gelegen haben?
  • Hat sich durch eure Tätigkeit als Mediatorin oder Mediator irgendetwas in eurem Leben verändert? Zum Besseren?
  • Welchen Einfluss hatte die Mediationsausbildung auf euch, euer Alltagsverhalten, euer Leben?

Vielen Dank im Voraus für euer Mitdenken und das Teilen eurer Gedanken dazu.

9. Mai 2016
von milan
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Die Fragen lieb haben

Reiher
Manchmal ist in der Mediation die vereinbarte Zeit um, bevor alles geklärt werden konnte; manchmal fehlen uns wesentliche Informationen, ohne die wir bestimmte Inhalte nicht entscheiden können; und manchmal ist die Beziehungsebene noch nicht so weit wiederhergestellt, dass man sich den Sachfragen widmen kann. Es kann frustrierend sein – für die Konfliktparteien, aber auch für uns -, wenn wir die Dinge (noch) nicht zu einem guten Abschluss bringen könne. Was uns dann jedoch bleibt, ist, den Parteien Geduld und Zuversicht zu vermitteln, dass manche Dinge Zeit brauchen, und dass sie meist um so besser gedeihen, wenn wir der Entwicklung Raum geben.
In diesen Situationen lese ich ihnen manchmal den folgenden Text vor, den Rilke einst an einen jungen Dichter schrieb:

… und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr,
Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen
und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben
wie verschlossene Stuben und wie Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten,
die Ihnen nicht gegeben werden können,
weil Sie sie nicht leben könnten.
Und es handelt sich darum, alles zu leben.
Leben Sie jetzt die Fragen.
Vielleicht leben Sie dann allmählich,
ohne es zu merken,
eines fernen Tages in die Antwort hinein.

aus: Rilke: Brief an einen jungen Dichter

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