Mediation

Informationen, Fragen und Aktuelles zum Thema Mediation und Ausbildung von MediatorInnen

Wie funktioniert eine „Entschuldigung“?

| 6 Kommentare


Der serbische Präsident Tomislav Nikolic hat sich also für das Massaker von Srebrenica entschuldigt: „Ich entschuldige mich für alle Verbrechen, die im Namen unseres Staates und unseres Volkes begangen wurden“, sagte er im bosnischen Fernsehn.
(Hintergrund ist der Völkermord an etwas 8000 muslimische Jungen und Männer 1995 in der damaligen UN-Schutzzone Srebrenica)

Aha – so einfach geht das mit den Entschuldigungen also?

OK – nehmen wir an, ich habe mein Konto überzogen und stehe jetzt  mit 3000 € bei meiner Bank in der Kreide. Da gehe ich also einfach hin, sage „Hiermit entschuldige ich mich!“ und wir sind quitt?   Super!
Wahrscheinlich funktioniert das auch, wenn ich meiner Kollegin in ihrer Abwesenheit das schöne neue Smartphone geklaut habe. Ein ehrliches „Entschuldigung!“, und damit Schwamm drüber.
Wer damit nicht zufrieden ist – wie kleinlich! Ich habe mich doch entschuldigt. Da muss doch jetzt mal gut sein mit den Vorwürfen.

So funktioniert das nicht. Zumindest nicht in der Mediation. Wenn ich mich entschuldigen will, gehe ich ja davon aus, in der Schuld von jemandem zu stehen. Wenn ich z.B. ein Unrecht getan habe, kann ich um Entschuldigung bitten. Und dann abwarten, ob und unter welchen Bedingungen mir diese Schuld erlassen wird. (Meine Bank wird sicher zusätzlich zu den 3000€ noch Zinsen verlangen, bevor sie sagt, wir sind wieder quitt.)

Aber jenseits der Bankgeschäfte spielt bei zwischenmenschlichen ‚Schuldsituationen‘ die Beziehungsebene eine wichtige Rolle (und von einem Schulderleben gehe ich aus, wenn jemand „Entschuldigung!“ sagt). Wenn ich einer Person etwas gegen ihren Willen angetan habe, ich habe sie verletzt oder gekränkt, etwas weggenommen oder beschädigt, dann ist dadurch die Machtebene aus der Balance geraten. Es ist ein Dominanzverhalten, damit stelle ich mich über die andere Person. Und jenseits der inhaltlichen Wiedergutmachung (Schadensersatz, Rückzahlung, etc), muss die Machtbeziehung wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Wenn eine Wippe in Balance oder ein ausschlagendes Pendel wieder zur Ruhe kommen soll, wird es erst einmal einen Ausschlag in die Gegenrichtung geben (müssen). D.h. war ich vorher in der dominanten Position, werde ich mich im Versöhnungs- und Wiedergutmachungsprozess bewusst und freiwillig – zeitweise – in die untergeordnete Position begeben. Indem ich um Entschuldigung bitte(!), mache ich mich abhängig. Denn dieser Bitte kann entsprochen werden oder auch nicht. Das liegt in der Entscheidungsmacht der anderen. Das Gewähren einer Entschuldigung kann an Bedingungen geknüpft werden oder sie kann mir geschenkt werden. Aber jetzt bin ich für einen Moment in der „unteren“ Position. Wenn die soziale Beziehung eine Rolle spielt, ist diese Phase wichtig. Für beide Seiten.

Im Täter-Opfer-Ausgleich ist dieser Moment heilsam für das Opfer: Die Person erlebt, wie sie wieder Wirkmacht erlangt. Es ist ein Empowerment-Prozess.
Und diese Position ist auch eine wichtige Erfahrung für Täter oder Täterin: der Perspektivenwechsel, das Erleben von Unsicherheit und Abhängigkeit. Im extremen Fall sogar die Erfahrung, dem Wohlwollen der anderen Seite ausgeliefert zu sein. (Darum machen wir das so ungern und sagen lieber „‚Tschuldigung, Schwamm drüber!“)

Am Ende steht dann die Wiedergutmachung und auf der anderen Seite die Bereitschaft zu Vergeben, um sich dann wieder auf Augenhöhe zu begegnen.

Im Alltag können wir das oft – informell – zu zweit miteinander wieder hinbekommen. Bei größeren Verletzungen oder wiederholten Kränkungen kann es hilfreich sein, sich von einer dritten Partei in diesem Prozess unterstützen zu lassen.
Wichtig ist in jedem Fall gut zu spüren, ob die Balance für beide Seiten tatsächlich wieder hergestellt ist.

Wenn das Wort „Entschuldigung“ mehr sein soll als eine Floskel, dann sollte es der Auftakt eines Dialogs sein und kein Monolog oder gar ein Diktat.

Insofern könnte die „Entschuldigung“ des serbische Präsident Tomislav Nikolic eher als Beginn eines notwendigen Versöhnungsprozesses gesehen werden. Es sei den Menschen in Bosnien und Serbien gewünscht, dass dieser Prozess nicht nur von wohlwollenden, sondern auch von kompetenten Menschen begleitet wird, die um die Dynamiken von Schuld, Vergebung und Versöhnung wissen.

6 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.