Mediation

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Irritation ist kostbar

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Der Physiker und Konstruktivist Heinz von Foerster unterschied triviale und nicht-triviale Maschinen. Je trivialer ein System ist, desto leichter ist es zu kontrollieren.Wobei „trivial“ nicht zu verwechseln ist mit „einfach“. Triviale Systeme können hochkomplex sein, wie z.B. Computer. Aber im Normalfall wissen wir bei einem Computer, was passiert, wenn wir eine bestimmte Taste drücken: Wenn ‚A‘ dann ‚B‘. Das ist gemeint mit trivial. Solch ein System gilt als grundsätzlich kontrollierbar.

Nicht-trivial = lebendig
Lebendige Systeme – soziale oder biologische – können wir jedoch nicht wirklich kontrollieren. Im besten Fall haben wir hohe Wahrscheinlichkeiten, was wohl passieren wird, wenn wir bestimmte Dinge tun. Aber es gibt keine Garantien für eine bestimmte Reaktion. Gäbe es sie, wäre das eher ein Hinweis darauf, dass das System trivial ist (= tot).

Respekt vor dem Lebendigen
Ein Trost hinsichtlich dieser Unkontrollierbarkeit von Menschen und von zwischenmenschlichen Systeme (das betrifft u.a. auch Konfliktdynamiken und Mediationsprozesse!), kann sein, dass wir mit dieser Erkenntnis Respekt vor dem Lebendigen ausdrücken: „Ich respektiere Deine Autonomie und Selbstverantwortung, indem ich anerkenne, dass Du – egal was ich tue – immer noch eine Entscheidung hast, wie Du darauf reagierst.“

Systeme irritieren
Dennoch sind unsere Interventionen natürlich nicht ohne Wirkung. Auch wenn wir Systeme nicht kontrollieren können, können wir sie jedoch irritieren, d.h. in ihrem geregelten Ablauf stören. Systemische Therapeut*innen und Coaches sehen das als eine ihrer Hauptaufgabe an: ein suboptimales oder dysfunktionales System zu stören.
Und wenn wir gut beobachten, können wir in den Reaktionen auf unsere Intervention vielleicht sogar Muster und Regelmäßigkeiten  erkennen. So lernen wir, beim nächsten Mal noch gezielter zu irritieren.

„Es ist egal, was Du tust – entscheidend ist, was Du danach tust.“
Dieser Satz hing lange Zeit über meinem Schreibtisch. Er hat mich daran erinnert, wie wichtig der zweite Schritt ist: Die Beobachtung der Reaktionen auf unsere Intervention (Feedback!) und dann eine diesen Reaktionen angemessene weitere Intervention.

Wozu ist es gut
Außer für Kontrollfreaks und Sicherheitsfanatiker*innen bietet das Systemdenken einige Vorteile:

  • Systemdenken entlastet uns.
    Wenn wir anerkennen, dass nicht wir allein für das Ergebnis verantwortlich sind, sondern dass wir immer ein lebendiges“Gesamtkunstwerk“ erschaffen, reduzieren wir den Erfolgsdruck, der ansonsten einzig auf unseren Schultern lastet.
  • Systemdenken ermutigt zum Handeln.
    Dilemmata – „Soll ich lieber A machen oder B?“ – lähmen oft auf der Handlungsebene. Indem wir jedoch über den Tellerrand des Entweder-Oder-Dilemma hinausschauen, erweitern wir unsere Optionen: „Anstatt wissen zu müssen, ob A oder B richtig ist, folge Deinem spontanen Impuls UND schau gut auf die Reaktion. Und dann mache den angemessenen nächsten Schritt.“
  • Systemdenken macht uns freundlicher.
    Wir werden fehlerfreundlicher und toleranter mit uns und mit unseren Mitmenschen, wenn wir nicht jeden Fehler sofort EINEM Schuldigen (egal ob uns oder anderen) zuordnen, sondern in jeder Situation vielfältige Wirkfaktoren und Wechselwirkungen erkennen können.
  • Systemdenken macht uns wirkmächtiger.
    Indem wir druckfreier handeln und dann interessiert und freundlich die Wirkungen beobachten, lernen wir ständig dazu. Wir sind ein lernendes System. So vergrößern wir beständig unser Handlungsrepertoir und können beim nächsten Mal noch differenzierter reagieren. Und erhöhen damit die Wahrscheinlichkeit, noch näher an die gewünschten Reaktion zu kommen.

In diesem Sinne – mit einem Dank an Niklas Luhman:
Lasst uns daran gehen, Systeme zu irritieren.

Auch in der Bücherliste:
Luhmann, Niklas – Macht im System (suhrkamp taschenbuch wissenschaft).epub
Luhmann, Niklas – Politische Soziologie (suhrkamp taschenbuch wissenschaft).epub
Luhmann, Niklas – Liebe als Passion. Zur Codierung der Intimität.pdf

Siehe auch: „Viktor Frankls Freiheit“

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