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Innere Freiheit

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In meinem Blog-Beitrag „Wirkfaktoren im Konflikt“ habe ich darauf hingewiesen, dass Interpretation und Bedeutungsgebung bestimmter Gegebenheiten einer der konstituierenden Konfliktfaktoren ist. Abgesehen von unserem eigenen Verhalten ist dies der Faktor, bei dem wir die größte Gestaltungmacht haben.

Diese Gestaltungsmacht geht so weit, dass wir potentiell jeden Konflikt, den wir mit jemand anderem haben, unilateral lösen können.
Welche Wirkmacht und welche innere Freiheit darin verborgen liegt, hat Viktor Frankl in seinen Büchern eindrucksvoll beschrieben.

Viktor Frankl war Psychologe und Begründer der Logotherapie. Als Jude war er von 1952 bis zur Befreiung 1945 in verschiedenen Konzentrationslagern der Nazis gefangen gehalten. Seine Mutter wurde im KZ Auschwitz ermordet, seine Frau starb im KZ Bergen-Belsen.

Stephen Covey beschreibt in seinem Buch „Die sieben Wege zur Effektivität: ein Konzept zur Meisterung Ihres beruflichen und privaten Lebens“ wie Viktor Frankl inmitten seines Gefängnisses unerwartete Freiheiten entdeckte und entwickelte:

„Eines Tages, er war nackt und allein in einem kleinen Raum, begann er sich dessen bewusst zu werden, was er später die ,letzte Freiheit des Menschen‘ nannte – der Freiheit, die die Nazischergen ihm nicht wegnehmen konnten. Sie konnten seine Umgebung kontrollieren, sie konnten mit seinem Körper machen, was sie wollten, aber Viktor Frankl blieb ein selbstbewusstes Wesen, das beobachten konnte, was mit ihm geschah. … Er konnte in sich selbst entscheiden, wie all das sich auf ihn auswirken würde. Zwischen dem, was ihm widerfuhr, dem Reiz, und seiner Reaktion darauf lag seine Freiheit oder Kraft, die Reaktion zu bestimmen. Inmitten seiner furchtbaren Erfahrungen projizierte Frankl sich selbst in eine andere Umgebung und unter andere Bedingungen, sah beispielsweise, wie er nach seiner Befreiung aus dem Lager seine Studenten unterrichtete. Mit seinem inneren Auge zeichnete er sich selbst im Hörsaal, wo er seinen Studenten genau die Lektion vermittelte, die er während seiner Folterungen lernte.

Durch eine Reihe solcher Übungen … übte er seine kleine … Freiheit aus. Diese wuchs und wuchs, bis Frankl schließlich mehr Freiheit hatte als seine Nazi-Aufseher. Sie besaßen mehr Freiheiten, mehr Optionen in ihrer Umgebung, aus denen sie auswählen konnten, aber er verfügte über mehr Freiheit, mehr innere Kraft, seine Optionen auszuüben. Er wurde zu einer Inspiration für die Menschen in seiner Umgebung, selbst für einige Wächter.“

Auch wenn der Gedanke erst einmal gewöhnungsbedürftig ist: Selbst unter solch extremen Umständen wie Gefängnis, Folter und Konzentrationslager können wir uns die Freiheit erhalten, zwischen verschiedenen Optionen zu wählen. Wir sind diesen Umweltbedingungen nicht hilflos ausgeliefert, sonder sind immer noch autonome Wesen, die entscheiden, welche Wirklungen diese Umwelten auf uns haben.

Viktor Frankls Buch „…trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ ist ein Zeugnis seiner Erfahrungen und Erkenntnisse.

Ausgang

Siehe auch Eintrag: Viktor Frankls Freiheit

Ein Kommentar

  1. Puh, das ist aber heftig!
    Spontan denke ich, dass so eine Reaktion fast unmenschlich ist. Dann, wenn ich es mir recht überlege, könnte es aber auch überaus menschlich sein. Und vielleicht ist meine Skepsis und Abwehr ja nur von Neid gespeist, weil ich mir wünschen würde, diese Freiheit auch in diesem Masse zu besitzen?
    Die Gefahr, die ich jedoch auch sehe, ist, dass solch eine Freiheit zur Forderung erhoben werden könnte, dass wir alle uns derart „im Griff“ haben sollten. Wenn mir ein Unrecht und ein Leid angetan wird – wann kommt die Forderung, dass es doch an mir liegt, ob ich damit klar komme oder nicht?
    Würde es dann nicht auch viel weniger Engagement geben gegen Unrecht in der Welt, wenn wir alle uns so einfach davon distanzieren könnten? Braucht es dann überhaupt noch Amnesty International, um gegen das Unrecht anzukämpfen?
    Ich merke, ich brauche noch Zeit, um ein bisschen daran rum zu knabbern.
    Aber danke für den Impuls.
    Doro

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