Mediation

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Martha & Leon

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Martha und Leon waren schon einige Jahre verheiratet und überlegten, ob sie auf Dauer zusammen bleiben und auch miteinander Kinder haben wollten. In den letzten Monaten stritten sie jedoch sehr viel und sie fragen sich, ob es nicht besser wäre, sich zu trennen.

Eines nachmittags saßen sie unter Carunas Baum und hören zu, wie die Kinder mit ihr sangen und alberne Verse fabrizierten. Es überkam beide ein Sehnsucht nach dieser unbeschwerten Kinderzeit, wo sie nicht so viel Last zu tragen hatten.

Caruna schien ihre düstere Stimmung zu spüren, die so gar nicht zu der Leichtigkeit der Kinder passte: „Was bedrückt euch?“

Martha war schnell in ihrer Antwort: „Ich rackere mich den ganzen Tag im Haus ab, versorge den Garten und die Hühner während Leon sich draussen mit seinen Freunden rumtreibt. Abends kommt er heim und will, dass sein Essen auf dem Tisch steht. Aber nicht ein Wort des Dankes erhalte ich dafür.“

Das wollte Leon nicht auf sich sitzen lassen: „Aber wer bringt das Geld nach Hause? Wer steht stundenlang auf dem Markt und verkauft das Gemüse? Und von wegen ‚Rumtreiben mit den Freunden‘ – wenn der Markt vorüber ist, bediene ich bei Pedro im Bistro und verdiene uns noch etwas dazu. Meist du, das mache ich zum Vergnügen?“ Mürrisch blickte er auf Martha. „Vielleicht sollten wir uns tatsächlich bald trennen.“

„Ja, vielleicht wäre das das beste“, antwortete Martha. Jetzt schwang mehr Resignation in ihrer Stimme als Ärger.

Caruna lächelte und sprach mit ihrer leisen Stimme, sodass die beiden sich anstrengen mussten, sie zu hören: „Erinnert ihr euch noch an Edda und ihren Mann Hector? Vielleicht nicht – ich glaube, sie sind weggezogen, bevor ihr in die Schule kamt. Damals wohnten sie unten am See, nicht weit vom Hafen. Sie haben sich ähnlich gestritten wie ihr beide. Es war kein Vergnügen, die beiden zu hören, wenn sie los legten. Hej, was sind die jeden Tag auf einander losgegangen.“

„Und – haben sie sich getrennt oder sind sie zusammen geblieben?“ Marthas Stimme klang wieder ein bisschen kraftvoller. Und vielleicht sogar etwas hoffnungsvoll.

„Es brauchte eine Zeit, bis sie erkennen konnten, was sie aneinander hatten und was sie für einander taten. Edda musste damals eine Weile fort gehen zu ihrem kranken Vater. Sie pflegt ihn für mehrere Wochen, bis er dann starb. Währenddessen musste Hector seine Arbeit machen, die Kinder versorgen und den Garten pflegen. In dieser Zeit erfuhr er, wie sehr Edda sich Tag für Tag abrackerte und er war überaus dankbar, als sie dann wieder zu Hause war.“

„Diese Erfahrung würde Leon sicher auch mal guttun“, sagte Martha mit einem Seitenblick auf ihren Mann.

„Es war aber noch nicht das Ende der Geschichte“, sprach Caruna weiter. „Ein paar Wochen nach Eddas Rückkehr stürzte Hector beim Apfelpflücken von einer Leiter und war für mehrere Wochen im Krankenhaus. In dieser Zeit musste Edda neben ihrer Arbeit auch noch den kleinen Lebensmittelladen führen, von dem ihr monatliches Einkommen abhing. Ich könnt euch vorstellen, wie froh sie war, als Hector zurück kam und einigermaßen gesund wieder hinter die Ladentheke stehen konnte. Seit dieser Erfahrung war für die beiden alles anders. Edda hatten erfahren, wieviel Mühe Hector täglich auf sich nahm, um genügend Geld für ihren gemeinsamen Lebensunterhalt zu verdienen und Hector war wiederum bewusst, was Edda alles tat, damit Haus und Garten in Ordnung waren, die Kinder gut versorgt und frisches Brot und leckeres Essen auf dem Tisch stand. Das zu wissen war wichtig, aber dies allein genügte nicht. Es brauchte noch etwas anderes. Es zeigte sich, dass beide zum Glück die Größe und Bereitschaft hatten, ab jetzt die Leistung der anderen Person anzuerkennen. Und das nicht nur einmal, sondern jeden Tag aufs Neue.“

Martha und Leon schwiegen. Sie warteten, ob Caruna nicht noch weiter sprechen würde.

„Wie ist es möglich, diese Bereitschaft zu entwickeln?“, fragten Leon und Martha fast wie aus einem Mund.

Caruna schaute Leon freundlich in die Augen und frage ihn: „Liebst du deine Frau?“ „Natürlich!“ Seine Antwort kam klar und ohne zu zögern.

„Und liebst du deinen Mann?“ Caruna blickt auf Martha.

„Aber sicher. Auch wenn ich mich oft über ihn ärgere, ist er das Beste, was mir im Leben passiert ist.“

„Nun, da habt ihr eure Antwort.“ Caruna lächelte verschmitzt, aber machte damit auch klar, dass sie mehr dazu nicht sagen wollte.

(Cora Rae: Geschichten von Caruna)

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