Nachhaltigkeit in der Mediation

Wollen ist nicht gleich tun

Wer hat sich zum Jahreswechsel schon einmal etwas Besonderes vorgenommen:
gesünder essen, mehr Sport, mit dem Rauchen aufhören, öfter mit dem Fahrrad fahren, mehr Zeit für die Kinder …
Und wer kennt nicht die Erfahrung, dass dieser Entscheidungen leider auf Dauer nicht auch die entsprechenden Taten folgen?

Wieso es uns oft nicht gelingt, unsere guten Vorsätze auch umzusetzen, dafür gibt es viele Gründe. Als Mediator*innen unterstützen wir Menschen, sich ggf. neu zu entscheiden und miteinander Vereinbarungen zu treffen. Damit sind wir in ca. 75% der Fälle sogar erfolgreich. Wir sollten jedoch nicht so blauäugig sein, davon auszugehen, dass diese Vereinbarungen jetzt auch immer 1:1 umgesetzt werden.

Ob das für uns Bedeutung hat, hängt davon ab, wie wir unseren Auftrag verstehen. Es gibt unterschiedliche Mediationsstile und -modelle. Ein Unterschied betrifft die Zielsetzung der Mediation: Während viele Mediator*innen ihre Aufgabe als erfüllt ansehen, wenn es zu einer gütlichen Vereinbarung zwischen den Parteien kommt, vertreten wir in unserer Ausbildung ein Modell, das nicht die Abschlussvereinbarung als Ende der Mediation definiert, sondern eine gelungene Umsetzung im Alltag. „Alltagstauglichkeit“ ist das Stichwort.

Was wäre dein Ideal-Ziel bei einer Mediation?


Dass die Konfliktparteien eine
faire win-win-Vereinbarung erarbeiten und unterschreiben?

 

Oder …

 

dass der Konflikt dauerhaft gelöst ist und die win-win-Vereinbarung auch nachhaltig funktioniert?

 

Wenn letzteres dein Ziel bei der Mediation ist, solltest du dich mit einigen Umständen vertraut machen, die die Umsetzung einer im Konsens getroffenen Vereinbarung erschweren kann.

Die Analogie in der Medizin:

Was sollte deiner Meinung nach das Ziel ärztlichen Handelns sein:

a.) für die Patient*innen eine gute Diagnose stellen und eine passende Therapie entwickeln?
b.) zu heilen?

Non-Complience wird das Patientenverhalten genannt, wenn verordnete Therapien, z.B. Medikamenten-einnahmen, Krankengymnastik, Diäten, Nachuntersuchungen etc., nicht auf Dauer eingehalten werden. Bei psychischen Erkrankungen liegt die Non-Complience z.T. weit über 50%, d.h. trotz guter Diagnose und guter Entscheidungen für eine Therapie findet keine oder nur suboptimale Heilung statt.

In der Mediation ist es ähnlich: Ca. 75% der Mediationen werden in Deutschland mit einer Abschlussvereinbarung abgeschlossen (Quelle: Evaluation der Bundesregierung). Trotz dieser hohen Quote an erfolgten Abschlussvereinbarungen, wird in dem Bericht aufgezeigt, dass trotz einer  Vereinbarung viele Konflikte nicht nachhaltig beendet werden konnten. Falls das jedoch unserem mediativen Ansatz entspricht und wir unseren Auftrag so weitgehend verstehen, sollten wir uns Gedanken machen, wie wir auch die nachhaltige Umsetzung der Vereinbarung unterstützen können. Dazu gibt es verschiedene methodische Möglichkeiten. Doch zuerst die Frage, wie es überhaupt zu diesem frustrierenden Zustand kommt.

Warum werden Vereinbarungen oft nicht umgesetzt?

Die Gründe hierfür sind sicher vielfältig, aber folgende Faktoren spielen wahrscheinlich immer wieder eine Rolle dabei:

  • Zu geringe Identifikation mit der Lösung: Gute Lösungen werden nicht verinnerlicht, wenn sie von Außen kommen (das ‚Not-Invented-Here-Syndrom‚).
  • Mangelnde Motivation: Der positive Sinn und Zweck, warum diese Vereinbarung getroffen wurde, gerät aus dem Blick.
  • Skepsis / Pessimismus: „Das funktioniert doch sowieso wahrscheinlich nicht!“. Damit wird die Dynamik einer negativen ‚Selbsterfüllenden Prophezeiung‘ in die Welt gesetzt.
  • Kein Plan B für Abweichungen vom Plan: Wenn einige Dinge nicht so funktionieren, wie geplant, wird das gesamte Paket über Bord geworfen.
  • Zu geringe Vorstellung, wie die Umsetzung im Alltag aussehen soll und sich anfühlen wird.
  • „Top oder Flop!“ Es gibt keinen Raum für Experimente, Evaluation und Nachbesserung.

Wir können wir diesen Gründen entgegenwirken?

Sechs Maßnahmen, um die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung von Vereinbarungen zu erhöhen

1. Lösungsabstinenz 
„Do it yourself“ statt „Not Invented Here – Syndrom (NIH)“

Leo Montada (Mediator, Lehrbuch-Autor) stellt das Neutralitätsgebot in Frage: „Warum sollten wir unsere guten Lösungen den Konfliktparteien vorenthalten?“
Das NIH ist gut erforscht und zeigt, dass die von den Parteien selbst entwickelten Lösungen im Alltag in der Regel tragfähiger sind, als eine von Fachleuten vorgeschlagene Lösung.
Mit anderen Worten: Die zweitbeste eigene Lösung ist in der Umsetzung oft wirkungsvoller als die inhaltlich vielleicht bessere Lösung, die von den Mediator*innen kommt. Dies ist ein wesentlicher Grund für unsere Lösungsabstinenz (Neutralität). Aber anstatt uns nur auf die Zunge zu beißen und unsere Lösungsideen zurück zu halten, können sie handlungsleitend sein, um den Parteien gute Fragen zu stellen. Wir arbeiten mit der Kreativität der Parteien anstatt selbst kreativ zu werden. Wir unterstützen sie also selbst auf inhaltliche gute Lösungen kommen.
Das größte Kompliment, das die Parteien uns am Ende einer Mediation machen können, ist die Rückmeldung: „Eigentlich haben wir das alles selbst gemacht!
(Was natürlich nicht so ganz stimmt, aber mit dieser Einschätzung ist die Identifikation mit den Lösungen natürlich um so stärker.)

2. Ein emotionales, motivierendes Ziel (eine Vision)

Solch eine Vision  steht über den pragmatischen Zielen, die die Parteien verfolgen (= „Das weite, endlose Meer bereisen“). Die Vereinbarungen, die später getroffen werden (Wer sammelt das Holz, welche Art von Schiff bauen wir, …), dienen dieser ersehnten Vision.
In Scheidungsmediationen könnte das z.B. heißen „Wir sind weiterhin unseren gemeinsamen Kindern gute Eltern.“ 
Im Team könnte es lauten „Wir sind solidarisch und unterstützen uns gegenseitig, sodass wir wieder gern zur Arbeit kommen.“ 
In Nachbarschaftsstreitigkeiten könnte es sein „Wir leben wieder in Frieden Tür an Tür und begegnen uns entspannt und freundlich.“
Dieses grundsätzliche Ziel kann man in Form einer Präambel über die später getroffenen Vereinbarungen schreiben, um die Parteien daran zu erinnern, warum sie die Mühsal der Umsetzung auf sich nehmen.

3. Die Erfolgserwartung überprüfen

Nach Abschluss einer Vereinbarung fragen wir die Parteien, wie zuversichtlich sie sind, dass diese Vereinbarung in dieser Form auf Dauer umgesetzt wird. Dazu lassen wir sie sich auf einem Positionsbarometer zum Thema „Zuversicht“ oder „Erfolgserwartung“ aufstellen.

Die Extrempole könnten wir benennen: 100% = „Absolute Gewissheit des Erfolgs“ und 0% = „Garantiertes Scheitern“.

Je nachdem, wie hoch die Erfolgsgewissheit ist, können wir ggf. noch Ideen sammeln oder zusätzliche Maßnahmen vereinbaren, die die Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen.
 Liegt die Wahrscheinlichkeit über 50%, d.h. die „Wippe kippt zu dieser Seite“, können wir die positiven Faktoren noch festigen, indem wir fragen, was ihre Zuversicht stärkt – hinsichtlich der eigenen Handlungen, aber auch für ihr Gegenüber.

Ist ein gewisses Maß an Skepsis vorhanden, kann die 4. Maßnahme sinnvoll sein.

4.  Fehlerfreundlichkeit und Rückfallvorhersage

Dieses Bild können wir den Konfliktparteien zeigen oder sogar mitgeben, wenn sie Sorge bzgl. der Umsetzung haben oder auch, wenn sie bzgl. der Umsetzung vielleicht sogar zu blauäugig sind. Wir bereiten sie darauf vor, dass es gewisse „Einbrüche“ oder Rückschläge geben könnte. Wir erklären,  dass dies nicht dramatisch sein muss, sondern zu vielen Veränderungsprozessen dazu gehört. Und wir vereinbaren mit ihnen, was sie in diesem Fall tun werden – z.B. einen neuen Termin mit uns zu verabreden.

5. Future Pace (ein imaginärer Schritt in die Zukunft)


Ist die Vereinbarung unterzeichnet, kann man mit den Parteien noch eine Imaginationsübung zur Konsolidierung machen: Dabei stellen die Parteien sich die Situation vor, wie sie im kommenden Alltag die vereinbarten Maßnahmen erfolgreich(!) umsetzen. Diese Begegnung gestalten sie in ihrer Phantasie in einer für sie positiven Form und geben sich anschließend Wertschätzung dafür, dass sie das so gut gemacht haben.

Es wird ein kleiner, selbstgestalteter Film in ihrem persönlichen Kopfkino mit einem Happy-End. Diese Möglichkeit wird im Kopf installiert. Synapsen werden verschaltet, unser Unterbewusstsein wird dann in der Realität ggf. darauf zurück greifen …

Ausführliche Beschreibungen der Methode „Future Pace“ findet man vielfältig im Internet, u.a. hier:
https://mediation-blog.de/2014/04/13/future-pace/

6.   Ein Nachgespräch vereinbaren (6. Phase!) 

Viele Phasenmodelle in der Mediationsliteratur beschreiben immer noch (nur) 5 Phasen, ohne explizit ein Nachgespräch zu erwähnen. Wenn es uns nicht nur um einen Vertragsabschluss, sondern auch um eine nachhaltige Umsetzung der getroffenen Vereinbarung geht, halte ich diese Verkürzung mindestens für suboptimal, in manchen Fällen sogar für fahrlässig.
Die meisten Modelle für Veränderungsprozesse, egal ob in der Organisationsentwicklung, Supervision oder im Projektmanagement enthalten nach der Umsetzungsphase eine Kontroll-, Reflexions-, oder Evaluationsphase – wie auch immer sie benannt wird.
Diese Phase dient dazu, eventuell notwendige Modifikationen vorzunehmen oder Erfolge gebührend zu würdigen.
Das Phasenmodell, mit dem wir arbeiten und das wir in unseren Mediationsausbildungen vermitteln, enthält standardmäßig die Phase 6 –> ein Nachgespräch.
Ein Nachgespräch wird immer in Erwägung gezogen, den Parteien explizit vorgeschlagen und oft auch in einer Abschlussvereinbarung benannt.
Es ist in der Regel einfacher, ein Nachgespräch, das als nicht notwendig erachtet wird, abzusagen, als einen neuen Anlauf für eine weiteren Mediation zu nehmen, falls Vereinbarungen nicht eingehalten wurden.
Ein weiterer Vorteil ist, dass Konfliktparteien sich eher auf „wackelige“ Lösungen einlassen, wenn es eine explizite Option auf ein Nachgespräch gibt, bei dem das „Experiment“ ausgewertet und dann ggf. begraben, verändert oder konsolidiert wird.
Und last but not least: Wenn wir kein Nachgespräch vereinbaren, bringen wir uns um die Gewissheit, gut gearbeitet zu haben. Ich habe kürzlich beim Nachgespräch ein so tolles Feedback bekommen, was durch die Mediation alles in Gang gesetzt wurde – es wäre absolut bedauerlich, wenn ich davon nichts erfahren hätte.

Also: Wenn Dein Ideal-Ziel bei der Mediation ist, dass der Konflikt dauerhaft gelöst wird, dann hast du hier 6 Methoden oder Interventionen, mit denen du die Parteien unterstützen kannst, ihre Vereinbarung nachhaltig umzusetzen:


1. Lösungsabstinenz (Neutralität)

2. Ein emotionales, motivierendes Ziel (Vision)
3. Die Erfolgserwartung überprüfen
4. Fehlerfreundlichkeit und Rückfallvorhersage 
5. Future Pace (ein imaginärer Schritt in die Zukunft)
6. Ein Nachgespräch vereinbaren (6. Phase!) 

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Aktueller Hinweis:

Im März und Juni 2023 biete ich zwei Fortbildungen an zum Thema Neurowissen und Hypnosystemik in der Mediation.

Infos dazu auf der Seite Veranstaltungen

 

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